Tschüss, kleiner Laden auf Sankt Pauli, atelier.91 neben dem Nachthafen

Die Geschichte eines kleinen Ladens auf Sankt Pauli

Am 12.1. in den Morgenstunden brannte es bei unseren Nachbarn, der Kneipe „Nachthafen“, in der Clemens-Schultz-Str. 93. Das Haus aus der Gründerzeit besitzt drei Eingänge: den zum Nachthafen, einen zum Treppenhaus mit den Wohneinheiten und Ateliers und einen dritten zu unserem Laden und einigen Räumlichkeiten für Kreative. 

Ein lebendiges Haus, in dem jeder jeden kennt und man sich schnell wohlfühlt. Bei den Sankt Pauli Kreativnächten vergangener Jahre (Corona hat das leider unterbrochen) strömten Hunderte Menschen den Abend über durch das Haus, tranken Bier und schauten neugierig in die sonst verschlossenen Ateliers oder klönten mit den Eigentümern, die selbst in dem Haus leben. 

WIE ALLES BEGANN

2018 taten sich meine Frau Nicole, die schon in den Jahren davor verschiedene Atelierräume in dem Haus genutzt hatte, und fünf weitere Fotografen zum Kollektiv91 zusammen und bezogen in der Nummer 91 das Erdgeschoß. Während eines Schottland-Urlaubs im Sommer 2018 fassten wir auf der Isle of Skye die Entscheidung, ihr ehemaliges Atelier, was nun nicht mehr benötigt wurde, in einen kleinen Laden mit fein kuratierten Stücken umzunutzen. Das Ziel: Das Sortiment sollte ein Lächeln in die Gesichter zaubern. Solche Läden hatten wir auf Skye kennengelernt, warum sollte das auf Sankt Pauli nicht möglich sein?

Drei Monate nach der Entscheidung feierten wir die Eröffnung im Oktober 2018. Es folgten eineinhalb Jahre, in denen sich der Laden im Viertel langsam etablierte. Unter dem Titel „Sankt Pauli ums Eck“ verknüpften sich die inhabergeführten Läden von hier, organisierten verschiedene Aktionen, immer in dem Wissen, dass man einfach in einer der interessantesten Gegenden Hamburgs ansässig war.

CORONA TRITT UNS IN DEN HINTERN

Dann folgte 2020 der erste Corona-Schock, ab Mitte März hiess es, die Türen dicht machen. Kompletter Lockdown, Sankt Pauli plötzlich im Dornröschenschlaf, wie man es nie zuvor gesehen hat. Samstag Abend mit dem Fotoapparat über die ausgestorbene Große Freiheit zu schlendern gehörte schon zu den eindrücklicheren Erfahrungen in dieser Pandemie. Mit einem 450 Euro Job bei einer örtlichen Drogeriemarktkette erhielt man sich einen geregelten Tagesablauf, einen Überblick über die Klopapiersituation und einen Pegelstand auf dem Konto.

Nach dem Lockdown schien die Sonne weiter, es wurde geshoppt und der Laden wuchs mit seinem Sortiment. Im Dezember folgte der nächste Schock. Eine Woche vor Weihnachten hiess es wieder: Türen zu, Weihnachtsgeschäft vertagt. Aber man kannte das ja aus dem Frühjahr: ein paar Wochen Lockdown, und weiter gehts. Aber dieses Mal war es anders. Der Lockdown wurde verlängert und wieder verlängert – und wieder verlängert. Ein Ende war nicht abzusehen. Hej, was kann man in einer Pandemie wirklich sicheres machen, auch im Hinblick, diese womöglich zu verkürzen? Richtig, im größten Impfzentrum Deutschlands anzuheuern. Ab April half ich einige Monate mit, die Impfkampagne zu einem Erfolg zu führen. Zusammen mit vielen „Gestrandeten“, seien es Gastronominnen, Studenten und Dozentinnen, Schwimmlehrer, Finanzbeamte der Spielbank Hamburg, Schauspieler und Sänger, Selbständige jeder Couleur. 

ES HAT SICH ETWAS VERÄNDERT

Als Ende Mai der Laden wieder öffnen konnte, hatte sich etwas verändert, was nach dem ersten Lockdown so nicht zu spüren war. Die Strassen waren leerer geworden, einfach schlendern, „sich gehen lassen“ und in Läden zu stöbern, das kam nicht wieder. Es durften plötzlich nur noch zwei Personen in den Laden, und teils nur nach Voranmeldung. Die Kontaktdaten mussten erhoben werden. Der Impfstatus musste nachgewiesen und mit einem Ausweis zusammen vorgezeigt werden. Ich kann es so nachvollziehen, sich zweimal zu überlegen, Einkaufen zu gehen, und viele wichen wohl auch auf das Einkaufen vom Sofa aus. 

Aber, wie wir im Freundeskreis mit Augenzwinkern sagen würden: „Piss doch die Wand an“. Wir machen einfach weiter. Wir kriegen tolles Feedback unserer Kunden und irgendwann muss die Pandemie ja vorbei sein. 

 

Tschüss, kleiner Laden auf Sankt Pauli, atelier.91 neben dem Nachthafen
DER NACHTHAFEN BRENNT

Bis zum 12.01.2022 in den Morgenstunden, als ich morgens verschlafen auf mein Handy schaute und die Bilder vom brennenden „Nachthafen“ sah. Einige Minuten später verliess ich hellwach unsere Wohnung, Nicole telefonierte unterdessen die halbe Ateliergemeinschaft durch. Kurze Zeit später liess mich die Feuerwehr durch zu unserem Laden, damit ich mir einen Überblick verschaffen konnte. Die Szenerie in den dunklen Morgenstunden war gespenstisch, der verkohlte Eingang des Nachthafens und die von der Hitze gesprungenen Fenster in den Stockwerken darüber liessen erahnen, wie das Feuer gewütet haben musste.

Wie sich herausstellte, konnten glücklicherweise alle Bewohner das Haus körperlich unversehrt verlassen. Nur der Rauch konnte durch die verbundenen Kellern in alle Räume ziehen, das ganze Haus als unbewohnbar zurücklassen. Auch wo keine dicke Rußschicht die Tische bedeckt, muss in den nächsten Monaten umfangreich saniert werden. 

Die Erkenntnis sickerte in den Folgetagen durch, dass es eine kurzfristige Wiedereröffnung an dieser Stelle nicht geben kann. Also fassten wir schweren Herzens den Entschluss, dieses abrupte Ende des Ladens zu akzeptieren und wieder nach vorne zu schauen, auf die neuen Projekte, die auf uns warten.

Und das Atelier.91 bleibt uns ja auch ein Stück weit erhalten. Denn der Onlineshop, der ist nicht mit abgebrannt. 

Edit: Hier findet ihr die Details zu unserem Abverkauf.

3 Idee über “Tschüss, kleiner Laden auf Sankt Pauli

  1. Oliver Knorr sagt:

    Ich habe gerade echt Tränen in den Augen! Am 08.01. war ich mit meiner kleinen Tochter das 1. Mal in Euerm Laden und habe mich verliebt, in so viele Dinge und Details, die mir ins Auge gesprungen sind. Heute wollte ich mit ihr wiederkommen und ihr den Füllfederhalter kaufen, den sie so schön und unbedingt notwendig fand und ich aber da noch nicht. Jetzt lese ich gerade, als ich nach Euren Öffnungszeiten schauen wollte die Geschichte und was passierte ist. Es tut mir so leid und ich wünsche Euch von Herzen alles Glück und Kraft und gute Leute, dass es weitergehen, neu beginnen und wieder sein kann mit dem Atelier 91. Ganz liebe Grüße.

    • Fritjof Hagemann sagt:

      Danke für Deine Worte, Oliver. Ich kann mich auch noch lebendig an euch erinnern… wenn ihr mögt kommt zu unserem Abverkauf am 11. und 12.02. im Lehmweg 53 bei unseren Freundinnen von beyond tales. Ein paar Füllfederhalter sind noch da.

  2. Pingback: Auto Draft Abverkauf nach Brandschaden • atelier.91

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